Wie vereinfacht ihr die Lizenzierung von Videomaterial aus Archiven?

Die Nutzung historischen Filmmaterials ist bis heute mit erheblichem Aufwand verbunden – sowohl für Archive als auch für Journalist:innen und Produzent:innen. Im Interview zum Abschluss ihres MIZ-Förderprojektes erklären Tom Fröhlich und Andreas Teller, wie sie mit „ArchiveID“ die Lizenzierung von Videomaterial aus Archiven vereinfachen. Außerdem erfahrt ihr, wie Journalist:innen bzw. Produzent:innen journalistischer Videoformate von ArchiveID profitieren.

Zu Gast bei PROGRESS Archive: Tom Fröhlich (r.) mit Manuel Heller, Collections & Partnerships Manager.

Lieber Tom, lieber Andreas, welches Problem bei der Lizenzierung von historischem Filmmaterial aus Archiven wollt ihr mit ArchiveID angehen?

Tom Fröhlich: Als Regisseur für Dokumentarfilme ist die Arbeit mit historischem Filmmaterial die spannendste, die es gibt. Wir verfügen in Deutschland, Europa und darüber hinaus über großartige Archive, die dieses Material für die Welt aufbewahren. Aber die Arbeit mit diesem Material ist flächendeckend aufwendig und bindet sowohl bei den Filmschaffenden als auch bei den Archiven große Kapazitäten. Recherche, Sichtung, Rechteklärung und Abrechnung laufen fast überall manuell: über Excel-Listen, Schnittlisten, Timecodes und langen Mailverkehr. Für Producer:innen ist oft schwer herauszufinden, woher eine bestimmte Aufnahme stammt, was sie kostet und welche Urheber- und Persönlichkeitsrechte daran hängen. Gleichzeitig ist manchmal auch die Provenienz nicht mehr klar: Unter welchen Umständen ist das Material entstanden? Und gerade kleinere Archive haben häufig nicht die Ressourcen, ihre Bestände überhaupt lizenzierbar zu machen. Daher ist die Arbeit mit historischem Filmmaterial für viele eher eine Bürde als eine Chance, großartige und vor allem reale Geschichten zu erzählen. Diese Reibung wollen wir mit ArchiveID herausnehmen.

Wenn authentisches Archivmaterial leichter, schneller und mit klaren Kosten und Rechten nutzbar ist, dann wird auch bei der großen Mehrheit echtes Material immer den höheren Stellenwert haben als generiertes Material."

In welchem Maß gewinnt der Einsatz KI-generierter historischer Videos an Bedeutung, und glaubt ihr, dass ein erleichterter Zugang zu historischem Archivmaterial dazu beitragen kann, dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Tom: Die Bedeutung wächst schnell. Es ist heute technisch einfach geworden, historisch aussehende Bewegtbilder zu generieren und das ist für das Vertrauen in Bildquellen aus unserer Perspektive ein echtes Risiko. Wir möchten nicht in einer Welt leben, in der Geschichte synthetisch erzählt wird, zumal es parallel die echten Aufnahmen in Archiven gibt. Unsere Überzeugung ist aber nicht, dass man KI-Content verbietet, sondern dass man echtes Material zur naheliegenden Wahl macht. Wenn authentisches Archivmaterial leichter, schneller und mit klaren Kosten und Rechten nutzbar ist, dann wird auch bei der großen Mehrheit echtes Material immer den höheren Stellenwert haben als generiertes Material. Dazu gehört auch, dass die Herkunft einer Aufnahme nachvollziehbar bleibt und vom Archiv selbst beglaubigt werden kann. Diese Vereinfachungen sollen damit unser Beitrag gegen die Verwässerung unseres historischen Bildgedächtnisses sein.

Wie funktioniert ArchiveID technisch und warum ist eure Lösung innovativ?

Andreas Teller: ArchiveID erzeugt für jeden Clip und jedes Einzelbild einen visuellen Fingerabdruck und legt ihn in einer Datenbank ab. Das passiert über ein KI-Modell. Genutztes Material, z. B. in einem Rohschnitt oder einem fertigen Film, wird dann automatisch gegen diese Datenbank abgeglichen. Das Ganze läuft als cloudbasierte Webanwendung, es muss also keine schwere IT-Infrastruktur beim Archiv oder in den Produktionsfirmen aufgebaut werden. Genau das macht die Lösung für kleinere und größere Archive attraktiv. Innovativ ist bei uns vor allem die Kombination der eingesetzten Mittel: Der Abgleich funktioniert auch dann, wenn Material bearbeitet wurde. In einem Schritt verbinden wir Wiedererkennung, Lizenzkosten und Rechteinformationen samt nachvollziehbarer Herkunft. Der Fingerprint wird außerdem mit den Metadaten der Archive verknüpft. Uns ist wichtig, alle relevanten Metadaten der Archive an die Nutzer:innen des Materials weiterzugeben. Das können technische Informationen sein, unbedingt aber auch inhaltliche Daten, die für die Regisseur:innen oder Autor:innen wichtig sind, um ihre Geschichten zu erzählen. Die Innovation ist hier also in unseren Augen eine Kombination von Technologien, die es in der Form noch nicht gibt.

Was ist die Video-Fingerprinting-Technologie? Weshalb und wie setzt ihr sie bei ArchiveID ein?

Andreas: Ein Video-Fingerprint ist ein kompakter, eindeutiger Fingerabdruck von Bildinhalten. Wir analysieren dafür charakteristische Merkmale wie Kantenstrukturen, Helligkeit, Farbverteilungen und Bewegungsmuster und erstellen daraus einen Hashwert. Auch ähnliche oder in der Postproduktion leicht veränderte Szenen werden zuverlässig erkannt. Das Verfahren ist robust gegen Veränderungen bei Skalierung, Beschneidung und Farbänderungen. Wir setzen es ein, um in einem fertig geschnittenen Film wiederzufinden, welche Archivsequenzen tatsächlich verwendet wurden, selbst wenn sie umgeschnitten, skaliert oder farblich angepasst wurden. Das ist die Grundlage dafür, dass wir aus einem Rohschnitt oder fertigen Film automatisch eine belastbare Liste des verwendeten Archiv-Materials und den dazugehörigen Metadaten erstellen zu können. Wir erstellen diese Fingerprints bewusst mit einer lokalen, GPU-gestützten Verarbeitung, mit der sich auch große Mengen Archivmaterial datenschutzkonform und ohne Auslagerung an Dritte analysieren lassen. Gerade für Archive, die hohe Anforderungen an Datensicherheit und die Kontrolle über ihre eigenen Bestände stellen, ist das entscheidend.

Prototyp von ArchiveID: Als cloudbasierte Webanwendung erfordert ArchiveID keine aufwendige IT-Infrastruktur bei Archiven oder Produktionsfirmen.

„Das Tool ersetzt keine Recherche von Material, sondern soll von der lästigen manuellen Arbeit rundherum befreien, damit mehr Zeit für die eigentliche journalistische und kuratorische Arbeit bleibt."

Wie können Journalist:innen bzw. Produzent:innen journalistischer Videoformate von ArchiveID profitieren und wie verändert die Web-App ihren Workflow?

Andreas: Durch gewonnene Zeit, sinkende Kosten in der Nutzung und aus inhaltlicher Perspektive erhalten sie die Möglichkeit zu jedem Zeitpunkt im Arbeitsprozess belastbare Informationen über das verwendete Material zu bekommen.

Heute bedeutet die Klärung von Archivmaterial für einen Beitrag oft tagelange Kleinarbeit: heraussuchen, woher jede Sequenz stammt, Anfragen schreiben, auf Auskünfte warten, Kosten und Rechte zusammentragen. Bei ArchiveID lädt man den Roh- oder fertigen Schnitt seines Films in die Web-App und bekommt eine Liste der verwendeten Archivsequenzen zurück, mit Zeitmarken, Lizenzkosten und Rechtsinformationen auf der Produktionsseite und Informationen über Inhalt, Zeit, Ort oder Ähnliches auf der inhaltlichen Seite. Das bedeutet für die bestehenden Workflows gar nicht so viel Veränderungen. ArchiveID will auch gar nicht invasiv in bestehende Workflows eingreifen, sie werden nur schneller und durch die schnelle Überprüfbarkeit ist es denkbar, dass man häufiger im Schnittprozess eine Überprüfung des Materials vornimmt. Beispielsweise, um sicherzugehen, dass wirklich alle Clips aus der richtigen Region oder dem richtigen Jahrzehnt stammen.

Wichtig ist uns dabei die Haltung: Das Tool ersetzt keine Recherche von Material, sondern soll von der lästigen manuellen Arbeit rundherum befreien, damit mehr Zeit für die eigentliche journalistische und kuratorische Arbeit bleibt.

Habt ihr ArchiveID bereits mit ersten Archiven oder Produzent:innen getestet? Wie war das Feedback und wie hat das euren Entwicklungsprozess beeinflusst?

Tom: In der zweiten Projekthälfte haben wir mit Progress, einem der relevantesten deutschen Filmarchive, einen spannenden Pilotpartner gefunden, der unfassbar spannendes Material lizenziert. Wir haben viel Input bekommen für Wege, an die wir im Zusammenhang mit ArchiveID noch gar nicht gedacht haben – also beispielsweise, dass diese Art von Tool nicht nur zwischen Archiven und deren Nutzer:innen wichtig sein kein, sondern auch für Aufgaben und Abläufe innerhalb der Archive selbst.

Dazu kommen Produzent:innen und Journalist:innen bzw. Filmemacher:innen aus unserem eigenen Netzwerk, mit denen wir über den gesamten Projektverlauf im Austausch waren und bleiben. Besonders gewünscht war hier die Umsetzung mit möglichst vielen Archiven oder Lizenzgebern. Der Prototyp, hat den Nutzer:innen hier total zugesagt – besonders das Scoring wurde gelobt, d. h. die Transparenz, wie sicher es mit bestimmten Clips ist oder eben auch nicht.

Besonders interessant war für uns der Kontakt zu lokalen Rundfunksendern, weil sie ihr Material seit vielen Jahrzehnten aufbewahren. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass die Rahmenbedingungen für eine breitere Nutzung dieses Materials bislang fehlen, denn lizenziert wird heute meist nur lokal und informell. Auch fehlten in den konkreten Fällen eine grundsätzliche Erschließung oder Katalogisierung des Materials. Hier überlegen wir gerade, wie wir diese Rahmenbedingungen im Zweifel auch mit weiteren Partnern schaffen können.

„Die Hoffnung ist, dass Institutionen, die ihr Material heute noch nicht für andere zugänglich machen oder lizenzieren, das in Zukunft aufgrund des gesunkenen Aufwands durch ArchiveID tun können."

Welche Inhalte oder Archive möchtet ihr mit ArchiveID künftig leichter für Produzent:innen und Redaktionen zugänglich machen?

Tom: Uns geht es konkret um (audio)visuelles Material mit historischem Kontext. Das kann von unterschiedlich Orten kommen, wie z. B. klassische Archive, große wie kleinere und alle anderen Institutionen, die über solches Material verfügen. Dazu zählen auch TV-Sender oder große Produktionsfirmen, die seit vielen Jahrzehnten aktiv sind. Am Ende wird ArchiveID mit jedem einzelnen analysierten Clip besser, weil dieser dann gefunden werden kann. Egal ob altes Magnetband oder Filmrolle – da wir mit digitalisierten Filmen arbeiten, ist ArchiveID kompatibel mit jeder Form von Material. Die Hoffnung ist, dass Institutionen, die ihr Material heute noch nicht für andere zugänglich machen oder lizenzieren, das in Zukunft aufgrund des gesunkenen Aufwands durch ArchiveID tun können.

Wie geht es nach der MIZ-Förderung weiter? Welche nächsten Schritte plant ihr und wie wollt ihr ArchiveID in die Praxis bringen?

Tom: Im vergangenen Jahr ging es für uns darum einen funktionierenden Prototyp zu bauen und diesen zu testen. Nach diesen Schritten sind wir der Überzeugung, dass wir hier eine Lösung gebaut haben, die wirklich helfen kann und die wirklich gebraucht wird. Deshalb ist der Plan ArchiveID auszugründen, gemeinsam mit Partner:innen auszubauen und schließlich in einen Zustand der „Marktreife“ zu bringen. Die nächsten Schritte sind, die Archivpartnerschaften zu verbreitern, die Anwendung zu einem verlässlichen Werkzeug für den täglichen Einsatz auszubauen und ein tragfähiges Geschäftsmodell auszugestalten, das den Wert für Produktionen und für Archive gleichermaßen abbildet. Wir schauen uns auch weiter Prozesse rund um Archivierung und Lizenzierung an und überlegen, welche weiteren sinnvollen Prozesse sich in unseren Workflow integrieren lassen.

>>> Projektseite von „ArchiveID“ auf der MIZ-Website
>>> Abschlusspräsentation von „ArchiveID“ beim MIZ Innovation Pitch #10 (startet ab 01:08:15)

Ansprechperson

Marion Franke Portrait Foto

Marion Franke

Innovationsförderung

Marion leitet den Bereich Innovationsförderung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen zu den Förderbedingungen, der Antragstellung und verantwortlich für die Betreuung der Projekte.

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