Interview zum Projektabschluss von Open Parliament TV

Portaitfoto von Joscha Jäger und Alexa Steinbrück von dem Team Open Parliament TV

Wie macht man 28.000 Videoaufzeichnungen von Parlamentsreden durchsuchbar und besser zugänglich?

Mit dieser Frage hat sich Joscha Jäger zusammen mit Alexa Steinbrück im Rahmen der MIZ-Innovationsförderung beschäftigt – und mit Open Parliament TV ein interaktives Videoportal und eine Suchmaschine für Parlamentsreden entwickelt. Pünktlich zum Abschluss der MIZ-Förderung und zur Bundestagswahl hat das Team die Public-Beta-Version veröffentlicht.

Warum die Plattform nicht nur für Journalist:innen, sondern auch für die Öffentlichkeit ein wertvolles Werkzeug ist, wie sie sich auf andere Parlamente wie beispielsweise den Brandenburger Landtag ausweiten lässt und wie er sich die Zukunft von Videoinhalten im Web vorstellt, hat Joscha uns im Interview verraten.

Das Projektteam von Open Parliament TV bei der Entwicklung seines interaktiven Videoportals für Parlamentsreden in der MIZ-Förderung

Lieber Joscha, warum bist du der Meinung, dass der Umgang mit Video neu gedacht werden sollte? Und wie lässt sich das auf dein Projekt übertragen?

Joscha Jäger: An Plattformen wie Wikipedia wird sehr plakativ deutlich, welchen hohen Wert es hat, Inhalte (Begriffe, Textbausteine, Absätze) durchsuchen, bearbeiten, zitieren und untereinander verlinken zu können. So trivial das klingt, es ist alles andere als selbstverständlich. Obwohl die technischen Möglichkeiten, diese Konzepte auf Videoinhalte zu übertragen, seit über 10 Jahren vorhanden sind, beschränkt sich die Funktionalität von Videos im Kern immer noch auf einen Play-Button und eine Zeitleiste.

Ich möchte mit Open Parliament TV meinen Teil dazu beitragen, Videoinhalte endlich aufzubrechen und zu einem integralen Bestandteil des Webs zu machen. Die Synchronisation mit den Textinhalten der Plenarprotokolle und die Möglichkeiten, einzelne Fragmente aus den Reden zu zitieren oder Ausschnitte einzubetten, sind ein perfekter Anwendungsfall für einen anderen, offeneren Umgang mit Videoinhalten allgemein, für den ich mich seit vielen Jahren einsetze.  

„Ich möchte mit Open Parliament TV meinen Teil dazu beitragen, Videoinhalte endlich aufzubrechen und zu einem integralen Bestandteil des Webs zu machen.“

 

Screenshot der Videoplattform Open Parliament TV

Was kann Open Parliament TV jetzt zum Abschluss der MIZ-Förderung?

J. J.: Wir haben auf Grundlage des Open Data Service, der Schnittstellen für die Mediathek und der neuen Dokumenten-API knapp 28.000 Reden des Bundestages in die Plattform importiert und mit den Plenarprotokollen synchronisiert. Mit Wikidata als Wissensbasis haben wir zudem Profile für Redner:innen, Parteien, Fraktionen und einzelne Dokumente angelegt, welche mit den Redebeiträgen verknüpft sind. Damit sind alle Bundestagsreden seit Beginn der 19. Wahlperiode (Oktober 2017) auf Open Parliament TV verfügbar.

Durch die Verknüpfung von Videoaufzeichnung und Protokolltext konnten wir die Reden zusätzlich

  • um interaktive Transkripte erweitern (Klick auf einen Satz > Sprung zu Zeitpunkt im Video)
  • mit kontext-basierten Annotationen verknüpfen (Anzeige relevanter Dokumente zu bestimmten Zeitpunkten)
  • mit neuen Beteiligungsmöglichkeiten besser zugänglich machen (Zitieren, Einbinden und Teilen ausgewählter Videosegmente im Redekontext)

Die Plattform erleichtert das Auffinden, Teilen und Zitieren von Videoausschnitten aus Parlamentsreden schon jetzt enorm. So lassen sich basierend auf einzelnen Schlüsselwörtern oder Satzbausteinen in Sekundenbruchteilen die entsprechenden Ausschnitte finden, abspielen und als Zitat in andere Plattformen einbinden.

Mitte September haben wir außerdem damit begonnen, exemplarisch Daten des Brandenburger Landtags zu importieren. Die entsprechenden automatisierten Abläufe sind noch in der Entwicklung, aber wir haben bereits erfolgreich mehrere dutzend Reden in unser Testsystem importiert, welche wir bald auch online verfügbar machen werden.

„Basierend auf einzelnen Schlüsselwörtern oder Satzbausteinen lassen sich in Sekundenbruchteilen die entsprechenden Ausschnitte finden, abspielen und als Zitat in andere Plattformen einbinden.“


Warum beschäftigst du dich überhaupt mit Parlamentsreden? Und warum mit dem Bundestag?

J.J.: Im Grundgesetz heißt es: „Der Bundestag verhandelt öffentlich“. Diesem Credo wird unter anderem mit dem „Parlamentsfernsehen“ Rechnung getragen. Die Plenardebatten sind das öffentlich sichtbare Ergebnis der Arbeit der Parlamente. Ausschnitte der entsprechenden Reden finden regelmäßig ihren Weg in Nachrichtensendungen, soziale Medien und Talkrunden.

Wenn wir es schaffen, diese Inhalte transparenter zugänglich zu machen und besser verständlich zu präsentieren (bspw. über die Verknüpfung mit Zusatzinhalten), ermöglichen wir es Journalist:innen und Organisationen wie abgeordnetenwatch.de, die Arbeit der Abgeordneten besser zu kontrollieren und inhaltlich einzuordnen. Ganz persönlich erhoffe ich mir durch eine transparentere Veröffentlichung der Inhalte des Parlamentsfernsehens (bspw. über eine Verknüpfung mit Originaldokumenten, Wikipedia-Inhalten oder Fakten-Checks) eine Stärkung des Vertrauens in die parlamentarische Demokratie. Wenn auch nur eine Wählerin durch unsere Plattform eine informiertere Wahlentscheidung treffen kann – oder noch besser: sich entscheidet wieder wählen zu gehen – hätte sich unsere Arbeit schon gelohnt.

Warum hast du dich entschieden, dein Projekt open source umzusetzen?

J.J.: Da das Projekt zu 100% durch öffentliche Gelder finanziert wurde, ist es für mich gar keine Frage, ob das Ergebnis auch ein öffentliches Gut sein sollte. Darüber hinaus ermöglicht die freie Lizensierung aller Bausteine des Projekts eine Verwendung weit über einzelne Parlamente hinaus. Theoretisch kann ein Parlament in Indien, welches Open Parliament TV einsetzen möchte, dies sofort tun. Wir haben eine Lizenz gewählt, die vorsieht, dass Weiterentwicklungen auch wieder frei lizensiert sein müssen, d.h. jede Weiterentwicklung kann auch wieder von allen Anderen genutzt werden.

Das Projektteam von Open Parliament TV bei der Entwicklung seines interaktiven Videoportals für Parlamentsreden in der MIZ-Förderung

Videoaufzeichnungen und Protokolle gibt es von vielen Parlamentssitzungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Wie lässt sich dein Projekt auf andere Parlamente übertragen?

J.J.: Die Übertragbarkeit der Projektbausteine auf andere Parlamente ist ein wichtiges Ziel des Projekts und wurde daher von Anfang an mitgedacht. Ich hoffe, dass wir mit dem Brandenburger Landtag in einem ersten Modellprojekt herausfinden können, wie die parlamentsübergreifende Suche, Verknüpfung und Publikation von Inhalten praktisch umsetzbar ist. Hierzu ist natürlich die Unterstützung der Landtagsverwaltung wichtig. Im Falle des Brandenburger Landtags haben wir diesbezüglich aber bereits erste positive Signale bekommen.

Unser langfristiges Ziel ist es, auf Open Parliament TV Debatten „interparlamentar“ zu verknüpfen. D.h. ich komme von einer Rede im Bundestag zum Thema X direkt zu einer relevanten Rede im Europäischen Parlament und von dort weiter zur einer themenbezogenen Debatte im Landtag Brandenburg. Genauso kann ich dann natürlich mehrere Parlamente parallel nach bestimmten Schlagworten, Personen oder Dokumenten durchsuchen. Hierzu sind wir in Gesprächen mit Parlamentsverwaltungen, NGOs und Forschungsinstitutionen in anderen Ländern.

„Die Übertragbarkeit der Projektbausteine auf andere Parlamente ist ein wichtiges Ziel des Projekts und wurde daher von Anfang an mitgedacht.“


Zu guter Letzt: Welche drei Tipps kannst du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die innovative Tools, Plattformen und Technologien für die Medienwelt und den Journalismus entwickeln wollen?

J.J.: Erstens: Definiert früh die übergeordneten Ziele und seid bereit, alles, was euch diesen nicht näher bringt, am Ende – wenn es zeitlich knapp wird, und das wird es immer – wieder herauszunehmen und auf eine „Nice-to-have“-Liste für später zu setzen. (Das haben wir viel zu spät gemacht.)

Zweitens: Setzt nicht ständig neue Features auf die Liste, weil ihr im Laufe des Projekts feststellt, was alles möglich ist. (Den Fehler haben wir über 15 Monate fast durchgehend gemacht.)

Drittens: Tut, was ihr könnt, um bestehende Förderprogramme zu unterstützen und zu erhalten. Die Freiheit, ohne Kundenwünsche oder Druck von außen in Ruhe an einem Innovationsprojekt arbeiten zu können, ist unschätzbar wichtig für den Erfolg des Projekts.  

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Update vom 20.10.2021: Open Parliament TV ist nun offiziell online.

Ansprechperson

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Marion Franke

Förderung

Marion Franke verantwortet den Bereich Innovationsförderung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen zu den Förderbedingungen, der Antragstellung und verantwortlich für die Betreuung der Projekte.

+49 331 58 56 58-26

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