Wie helft ihr Journalist:innen, einfach, rechtssicher und vollständig digitale Beweise zu sichern?

Das Verschwinden von veröffentlichten Online-Quellen – etwa Social-Media-Posts, Webseiten oder Videos – kann für journalistische Recherchen den Verlust wichtiger Belege bedeuten. Im Interview zum Projektabschluss erklärt Tilman Miraß, wie das Tool „evidxaus der MIZ-Innovationsförderung Journalist:innen, Redaktionen und NGOs unterstützt, digitale Inhalte rechts- und beweissicher zu archivieren, ohne den Recherche-Workflow zu unterbrechen. Außerdem erfahrt ihr, in welchen journalistischen Szenarien „evidx“ einen Unterschied machen kann und welche nächsten Entwicklungsschritte geplant sind. 

Das Team hinter „evidx“ (v. l. n. r.): Tilman Miraß, Basile Simon und Niko Para

„Die gemeinsame Erfahrung war immer dieselbe: Man stößt auf einen wichtigen Social-Media-Post, einen Regierungsbericht oder eine Nachrichtenseite, macht einen Screenshot – und wenn man ihn Wochen später braucht, ist das Original gelöscht, verändert oder die Plattform hat es entfernt."

Lieber Tilman, mit welchem konkreten Problem im Journalismus seid ihr gestartet und warum reicht klassisches Speichern von Screenshots oder Links für investigative Recherchen heute oft nicht mehr aus?

Tilman Miraß: Wir kommen alle drei aus der investigativen Recherche und Menschenrechtsdokumentation – Basile hat mit Airwars Zivilopfer in Luftangriffen dokumentiert, Niko hat das Syrian Archive mitgegründet und ich habe bei der Deutschen Welle investigative Werkzeuge gebaut. Die gemeinsame Erfahrung war immer dieselbe: Man stößt auf einen wichtigen Social-Media-Post, einen Regierungsbericht oder eine Nachrichtenseite, macht einen Screenshot – und wenn man ihn Wochen später braucht, ist das Original gelöscht, verändert oder die Plattform hat es entfernt.

Das Problem ist, dass ein Screenshot keinen Kontext bewahrt. Er zeigt nicht, wann genau die Seite aufgerufen wurde, ob sie in der Zwischenzeit verändert wurde, oder wer den Screenshot gemacht hat. Vor Gericht oder bei einer juristischen Auseinandersetzung ist ein Screenshot kaum mehr wert als eine Behauptung – er kann manipuliert, aus dem Kontext gerissen oder nachträglich erstellt worden sein.

Links sind noch instabiler: Eine Studie zeigt, dass 38% der Webseiten, die 2013 existierten, zehn Jahre später nicht mehr erreichbar sind. Für investigative Recherchen, deren Ergebnisse angefochten werden können – manchmal Jahre nach Veröffentlichung –, ist das ein fundamentales Problem. Wir brauchten ein Werkzeug, das nicht nur speichert, sondern beweist. Hinzu kommt: Es geht nicht nur darum, dass Screenshots unzureichend wären. Sich auf Archive zu verlassen, die man nicht kontrolliert, und auf Funde, die man nicht besitzt, ist journalistisch nicht verantwortungsvoll – Redaktionen müssen ihre Archive selbst in den Griff bekommen. Faktenprüfung und Review-Workflows kosten viel Zeit und manuelle Arbeit. Da liegt eine Chance für stärker integrierte Werkzeuge.

evidx soll digitale Inhalte rechts- und beweissicher archivieren. Wie funktioniert das technisch konkret und was macht eine Archivierung „forensisch belastbar"?

Tilman: Wenn eine Journalistin mit evidx eine Webseite archiviert, passiert mehr als ein Speichervorgang. Die Desktop-App öffnet einen sauberen, isolierten Browser – ohne Cookies, ohne Login, ohne persönliche Browsing-Historie –, navigiert zur Zielseite und erfasst den vollständigen Seitenzustand: HTML, CSS, JavaScript, Bilder, eingebettete Medien, Netzwerk-Requests. Das Ergebnis wird als WACZ-Archiv gespeichert – ein offenes Format, das auch von nationalen Bibliotheken und dem Internet Archive genutzt wird.

Was die Archivierung „forensisch belastbar" macht, sind drei Schichten: Erstens erhält jede Datei einen kryptografischen Fingerabdruck (SHA-256-Hash). Wenn auch nur ein Pixel verändert wird, ändert sich der Hash – jede Manipulation ist sofort erkennbar.
Zweitens werden alle Aktionen in einer unveränderlichen Datenbank gespeichert: Wer hat wann was archiviert, annotiert oder geteilt. Diese Protokolle können nicht nachträglich verändert werden.
Drittens wird jeder Eintrag mit einer digitalen Signatur des jeweiligen Nutzers versehen, sodass jede Aktion eindeutig zuordenbar ist. Das Gesamtbild – unveränderbarer Inhalt, lückenlose Protokollierung, kryptografische Zuordnung – schafft eine Beweiskette (Chain of Custody), die auch einer journalistischen und juristischen Prüfung standhält. Wichtig ist uns dabei die Unterscheidung zwischen Datenintegrität und Beweiskraft vor Gericht: Erstere garantieren wir mit diesen drei Mechanismen – Hashing, Protokollierung, Signierung – schon heute, Letztere ist eine Entwicklungsrichtung.

„Wenn ein Politiker behauptet, einen Tweet nie gepostet zu haben, oder ein Unternehmen eine belastende Webseite ändert, reicht es nicht, zu sagen: ‚Ich habe es gesehen.‘ Man muss es beweisen können – kryptografisch, zeitlich und kontextuell."

Welche Rolle spielen kryptografische Signaturen, Zeitstempel und Kontextinformationen in eurem Ansatz und warum sind sie für journalistische Nachvollziehbarkeit wichtig?

Tilman: Kryptografische Signaturen beantworten die Frage „Wer hat das getan?". Jede Aktion in evidx – eine Archivierung, eine Annotation, das Teilen einer Sammlung – wird signiert. Das bedeutet: Selbst wenn ein Teammitglied die Organisation verlässt, bleibt nachvollziehbar, wer welche Beweise wann gesichert hat.

Zeitstempel beantworten die Frage „Wann genau?". In der nächsten Entwicklungsstufe werden wir einen ANSI X9.95-zertifizierten Zeitstempeldienst anbinden, der unabhängig von unserer Infrastruktur bestätigt, dass ein Archiv zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert hat. Das ist besonders relevant, wenn jemand behauptet, ein Beweis sei nachträglich erstellt worden.

Kontextinformationen beantworten die Frage „Unter welchen Umständen?". evidx speichert nicht nur den Seiteninhalt, sondern auch die URL, die Netzwerk-Requests, die Browser-Konfiguration und den Zeitpunkt der Erfassung. Das ermöglicht es, die Archivierung originalgetreu in einer isolierten Replay-Umgebung wiederzugeben – man sieht die Seite genauso, wie sie zum Zeitpunkt der Erfassung aussah.

Für den Journalismus ist diese Dreierkombination entscheidend, weil investigative Geschichten zunehmend angefochten werden. Wenn ein Politiker behauptet, einen Tweet nie gepostet zu haben, oder ein Unternehmen eine belastende Webseite ändert, reicht es nicht, zu sagen: „Ich habe es gesehen". Man muss es beweisen können – kryptografisch, zeitlich und kontextuell.
Unsere Kombination ist dabei: Die Erfassung ist forensisch belastbar – WACZ, Hashing, Signierung, isolierte Aufnahme –, während der Workflow bewusst reibungslos bleibt, damit Redakteur:innen im entscheidenden Moment tatsächlich archivieren. Nicht zuletzt zahlt das auf die Nutzer:innen ein: Inhalte, die mit nachprüfbaren Herkunfts- und Integritätsdaten unterlegt sind, sind hochwertiger und vertrauenswürdiger. Das große Interesse von Nachrichtenmedien an Projekten wie C2PA zeigt, dass Redaktionen genau hier Qualität und Glaubwürdigkeit verorten.

Viele Online-Inhalte verschwinden oder werden nachträglich verändert. Könnt ihr konkrete journalistische Szenarien beschreiben, in denen evidx einen Unterschied machen kann?

Tilman: Ein konkretes Szenario: Eine Journalistin recherchiert zu Hassrede von öffentlichen Persönlichkeiten. Sie stößt auf einen Post, archiviert ihn mit einem Klick in evidx und recherchiert weiter. Nach Veröffentlichung ihres Artikels löscht die betroffene Person den Post und bestreitet, ihn je geschrieben zu haben. Mit evidx kann die Journalistin nicht nur den gelöschten Inhalt vorzeigen, sondern auch kryptografisch beweisen, dass die Archivierung vor der Löschung stattfand und der Inhalt nicht verändert wurde.

Ein zweites Szenario: Eine Anti-Korruptionsorganisation dokumentiert über Monate systematisch Webseiten lokaler Behörden und sozialer Medien. Die Mitarbeiter:innen ordnen ihre Funde in Sammlungen – „Fall Müller", „Bauprojekt Mitte" – und annotieren sie. Jede Annotation, jede Zuordnung wird kryptografisch signiert und protokolliert. Wenn die Organisation Jahre später einem Staatsanwalt ihre Belege vorlegt, kann sie eine lückenlose Beweiskette vorweisen – inklusive der Zuordnung zu einzelnen Mitarbeiter:innen, auch wenn diese die Organisation längst verlassen haben.

Ein drittes Szenario, das uns besonders motiviert hat: Anfang 2026 hat Wikipedia den Archivierungsdienst Archive.today gesperrt und fast 700.000 Zitationslinks entfernt – weil technische Untersuchungen zeigten, dass archivierte Inhalte dort nachträglich verändert worden waren. Das verdeutlicht, dass selbst vermeintlich vertrauenswürdige Archivierungsinfrastruktur nicht automatisch integer ist. evidx gibt den Nutzer:innen die Kontrolle über ihre eigenen Daten und deren Integrität zurück.

© MIZ Babelsberg | Benjamin Maltry
MIZ Innovation Pitch #10: Tilman Miraß präsentiert „evidx“

„evidx ist bewusst so gestaltet, dass es den Recherche-Workflow nicht unterbricht."

Wie integriert sich evidx in bestehende journalistische Arbeitsabläufe? An welchem Punkt einer Recherche würden Journalist:innen das Tool typischerweise einsetzen?

Tilman: evidx ist bewusst so gestaltet, dass es den Recherche-Workflow nicht unterbricht. Der typische Einsatzpunkt ist die laufende Recherche: Eine Journalistin öffnet die evidx Desktop-App, die einen sauberen, isolierten Browser startet. Wir nennen das den „Evidence Desk“: ein aufgeräumter Schreibtisch, von dem aus die Arbeit beginnt. Es geht darum, „Kontamination“ zu vermeiden. Von da an recherchiert sie normal – besucht Webseiten, liest Artikel, schaut sich Social-Media-Profile an. Wenn sie auf etwas Relevantes stößt, drückt sie den Archivierungs-Button. Im Hintergrund erfasst evidx die komplette Seite und speichert sie. Die Journalistin kann nahtlos weiterrecherchieren.

Später, zurück in der evidx-App, kann sie ihre Archive durchsuchen, in Sammlungen organisieren, mit Tags und Annotationen versehen und mit Kolleg:innen teilen. Ein Punkt, der hier besonders wichtig ist – und einer unserer größten Vorteile –, ist die Verifikation kollaborativer Arbeit: Weil jede Aktion signiert wird, können Teammitglieder Funde und Bearbeitungen ihrer Kolleg:innen jederzeit kryptografisch nachprüfen. Das Entscheidende ist: Die Archivierung passiert während der Recherche, nicht danach. Man muss sich nicht am Ende des Tages hinsetzen und überlegen, was man hätte sichern sollen – man sichert es in dem Moment, in dem man es sieht.

Für Redaktionen, die evidx als Server-Installation betreiben, können mehrere Journalist:innen in geteilten Sammlungen arbeiten, Funde annotieren und die Beweiskette über das gesamte Team aufrechterhalten. Die Archivierung und der Zugriff funktionieren auch offline – die lokale Desktop-App synchronisiert sich, sobald wieder eine Verbindung zum Server besteht. Perspektivisch denken wir an Integrationen mit Redaktionssystemen (CMS): Archivierung soll reflexiv geschehen statt als bewusster Zusatzschritt – jede zitierte Quelle wird im Arbeitsfluss automatisch gesichert.

Habt ihr evidx bereits mit Redaktionen getestet? Welches Feedback aus der Praxis hat euch besonders überrascht oder eure Produktentwicklung beeinflusst?

Tilman: Ja, wir befinden uns aktuell im Pilotbetrieb mit einer Redaktion einer ARD-Anstalt und sind im Austausch mit anderen großen Medienhäusern über eine mögliche Integration. Darüber hinaus haben wir über das gesamte Projekt hinweg Feedback von verschiedenen Medienpartner eingeholt.

Aus dem Nutzer-Feedback hat uns außerdem überrascht, wie schnell große Archive unübersichtlich werden. Journalist:innen, die hunderte Seiten archiviert haben, brauchen nicht nur Suche, sondern auch intelligente Filter, kontextbezogene Sortierungen und die Möglichkeit, Funde schnell bestimmten Fällen oder Sammlungen zuzuordnen. Das hat unsere UX-Arbeit stark beeinflusst – weg von einer reinen Archivierungs-App, hin zu einem Recherchewerkzeug.

Welche wichtigen Funktionen oder Meilensteine konntet ihr in der MIZ-Innovationsförderung umsetzen?

Tilman: Die MIZ-Förderung hat es uns ermöglicht, evidx von einem Proof-of-Concept zu einer praxistauglichen Anwendung zu entwickeln.
Die wichtigsten Meilensteine waren: die vollständige Archivierungs-Engine mit automatisierter Browser-Erfassung im WACZ-Format, das Replay-System zur originalgetreuen Wiedergabe archivierter Seiten auch nach Löschung der Originale, die unveränderliche Datenbank mit lückenloser Protokollierung aller Aktionen, die Volltextsuche über alle archivierten Inhalte, das Berechtigungssystem für kollaboratives Arbeiten in Teams mit Sammlungen und rollenbasiertem Zugriff, die fertige Desktop-App für macOS und Windows mit Ein-Klick-Archivierung, das kryptografische Signier-Modul für nutzerbezogene digitale Signaturen, die Produktwebseite evidx.de mit Rebranding und Fachpublikationen sowie die Closed Alpha mit ersten Testnutzer:innen und Pilotpartner:innen.

„Langfristig wollen wir evidx als Standard-Infrastruktur für digitale Beweissicherung im Journalismus etablieren."

Wie geht es nach Abschluss der MIZ-Förderung weiter: Welche nächsten Entwicklungsschritte plant ihr und wie wollt ihr evidx langfristig als Infrastruktur für digitale Beweissicherung etablieren?

Tilman: Unmittelbar nach der Förderung konzentrieren wir uns auf die laufenden Pilotprojekte. Statt eines breiten SaaS-Rollouts setzen wir auf individuelle 1:1-Integrationen, bei denen wir evidx eng an die tatsächlichen Arbeitsabläufe investigativer Redaktionen anpassen. Für eine tiefere IT-Integration bei einem deutschen Medienpartner streben wir eine Anschlussförderung an. Darüber hinaus arbeiten wir daran, auch die Arbeit von Nachrichtenagenturen zu unterstützen und evidx in Redaktionssysteme zu integrieren.

Langfristig wollen wir evidx als Standard-Infrastruktur für digitale Beweissicherung im Journalismus etablieren – vergleichbar damit, wie Verschlüsselungstools heute zum Handwerkszeug investigativer Redaktionen gehören. Das Geschäftsmodell setzt auf SaaS mit gestaffelten Zugangsstufen und On-Premises-Installationen als Premium-Option. Das Ziel ist eine nachhaltige Finanzierung durch Serviceverträge, nicht durch fortgesetzte Förderung. Die Archive.today-Affäre hat gezeigt, wie fragil zentrale Archivierungsinfrastruktur sein kann, wenn sie von Einzelpersonen betrieben wird – wir glauben, dass das Modell der nutzergetragenen, kryptografisch abgesicherten Datenhaltung die Zukunft ist.

>>> zur Website von „evidx“
>>> Projektseite von „evidx“ auf der MIZ-Website
>>> Abschlusspräsentation von „evidx“ beim MIZ Innovation Pitch #10 (startet ab 00:38:01)

Ansprechperson

Marion Franke Portrait Foto

Marion Franke

Innovationsförderung

Marion leitet den Bereich Innovationsförderung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen zu den Förderbedingungen, der Antragstellung und verantwortlich für die Betreuung der Projekte.

Zurück